
„Stolpersteine“ sind ein seit 1992 existierendes Projekt des Berliner Künstlers Gunter Demnig. Durch im Boden verlegten kleinen Messing-Gedenktafeln soll an deren letzten Wohnort an das Schicksal
vom Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Um die 116.000 solcher Stolpersteine gibt es
bereits in Deutschland und anderen europäischen Ländern. In Altglienicke gab es bisher sieben davon: In der Köpenicker Straße 59 (Hermine Eichner und Auguste Hengst), Rudower Straße 68 (Hugo und
Minna Heilbronn), Schirnerstraße 28A (Max und Lina Zenz) und Schirnerstraße 50 (Felix Lazarus). Ende vergangenen Jahres kamen nun zwei weitere Stolpersteine im Schachtelhalmweg 83 hinzu. Erinnert
wird nunmehr an das Ehepaar Ehrlich, das inmitten der Altglienicker Spreetal-Siedlung aktiv gegen den Nationalsozialismus kämpfte.
Rudolf Ehrlich, der 1902 als Sohn einer Arbeiterfamilie in Brandenburg/Havel geboren wurde und den in seiner Ausbildung als Kellner die sozialen Probleme der Menschen beschäftigten. Nach der
Hochzeit mit der Köchin Berta Thiele aus Neu Zittau zog er 1925 nach Berlin, wo dann beide in Gaststätten arbeiteten. 1927 trat Rudolf Ehrlich in die KPD ein. In ihrem Häuschen mit einem kleinen
Lebensmittelladen am heutigen Schachtelhalmweg (damals Straße 76 - Spreetal) traf sich regelmäßig eine Widerstandsgruppe, um unter anderem Flugblätter zu entwerfen und zu drucken.
Dem KPD-Mitglied Willi Gall ermöglichten Berta und Rudolf Ehrlich in ihrer Wohnung geheime Treffen und boten Unterschlupf.
Am 14. Dezember 1939 wurden alle drei verhaftet. Die damals zehnjährige Tochter Johanna kam gerade aus der Schule, als die Gestapo ihre Mutter abholte. In einem Schauprozess vor dem Volksgerichtshof wurde Berta zu 14 Jahren Haft in den Zuchthäusern Cottbus und Waldheim verurteilt, Rudolf zu 12 Jahren in Brandenburg und Hameln. Mutter und Vater Ehrlich sahen die Tochter erst nach der Befreiung im Mai 1945 wieder. Willi Gall selber wurde am 25. Juli 1941 in Plötzensee hingerichtet.
Kurz vor Weihnachten wurde zu einer feierlichen Einweihung der Stolpersteine an den Schachtelhalmweg 83 eingeladen. Etlichen alteingesessenen Altglienickern ist das dortige Haus der Familie Ehrlich, später Mauer, ein Begriff, denn nicht nur in den 1930er Jahren, sondern bis zu den 90er Jahren war dort in der Spreetalsiedlung ein kleiner Lebensmittelladen. Etwas kann man an der Fassade noch den einstigen Schriftzug „KONSUM“ erahnen. Über 60 Personen, darunter auch der Bundestagsabgeordnete Dr. Gregor Gysi und Bezirksbürgermeister Oliver Igel, fanden sich zunächst hinter dem Haus im Garten ein.
Im Zentrum der Feier stand die mittlerweile 96-jährige Tochter des Ehepaars Ehrlich, Dr. Johanna Mauer, auch Witwe des langjährigen früheren Altglienicker Ortschronisten Heinz Mauer. Umrahmt von Musik und Gedichten wurde mit verschiedenen Redebeiträgen dem Ehepaar Ehrlich gedacht. Mit darunter war eine Gruppe der Grundschule am Berg, welche von 1973 bis 1990 den Namen 14. POS „Rudolf Ehrlich“ trug. Im Anschluss gingen alle Anwesenden vor das Grundstück, wo begleitet von Musik auf dem Gehweg die zwei neuen Stolpersteine verlegt wurden. Innerhalb Altglienicke gibt es damit nun neun, die an Verfolgte und Opfer des Nationalsozialismus erinnern.
(Text und Bilder von Joachim Schmidt vom Dörferblick)
