Aktuelles aus Altglienicke und vom Bürgerverein


Bürgerverein Altglienicke zu Besuch im polnischen Zgierz

Das Denkmal für 100 Erschossene vom 20. März 1942
Das Denkmal für 100 Erschossene vom 20. März 1942

Am 28. September 2021 schlossen die beiden Bürgervereine Gesellschaft der Freunde von Zgierz (Towarzystwo Przyjaciół Zgierza, TPZ) und Bürgerverein Altglienicke e.V., vertreten durch ihre Vorsitzenden Adam Zamojski und Joachim Schmidt, im Bürgerhaus Altglienicke einen deutsch-polnischen Partnerschaftsvertrag, um künftig engere Beziehungen zu pflegen. Vorangegangen war auf Initiative von Klaus Leutner am Vortag die Einweihung eines Gedenkortes auf dem Städtischen Friedhof Altglienicke für 1.360 dort bestattete Opfer nationalsozialistischer Gewalt, darunter mehrere Zgierzer, mit einer Delegation aus der polnischen Stadt. Nun gab es vom Bürgerverein Altglienicke vom 13. bis 16. August 2022 auf Einladung der TPZ einen ersten Gegenbesuch.

Vorweg: Zgierz ist eine zentralpolnische Kreisstadt in der Woiwodschaft Łódz mit etwa 58.000 Einwohnern, die erstmals 1231 urkundlich erwähnt wurde. Lange Zeit war sie die führende Stadt in der Region und geprägt durch das Weberhandwerk. Auch viele Deutsche, vor allem aus Schlesien, ließen sich dort im 18. und 19. Jahrhundert nieder. Erst mit der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert wuchs das benachbarte Dorf Łódz mit seiner Textilindustrie zur heute drittgrößten Stadt Polens mit 695.000 Einwohnern und überrundete Zgierz als regionales Zentrum.

Nach fünfstündiger Autofahrt kam dann auch die Delegation unseres Bürgervereins dort an. Untergebracht waren wir im kleinen Hotel Folkier in der sogenannten Neustadt, die um 1821 von der Regierung des russisch verwalteten Kongresspolens für eingewanderte schlesische Weber errichtet wurde, bestehend aus einstöckigen Holzhäusern im Stil des Klassizismus. Einige der verbliebenen Häuser wurden in den letzten Jahren saniert. In einem war unser Quartier. Uns erwartete ein umfassendes Programm unserer Gastgeber, um Zgierz von möglichst vielen Seiten kennenzulernen. Zunächst begrüßte uns der evangelische Pfarrer von Zgierz, Dr. Marcin Undas, der uns auf der gesamten Reise als Dolmetscher begleitete. Als erstes stand am Sonnabend eine Kranzniederlegung am Denkmal für die 100 Erschossenen vom 20. März 1942 an. Als Vergeltung für die Ermordung von zwei deutschen Polizisten, die als besonders brutal bekannt waren, ließ vor 80 Jahren hier die Gestapo während des Zweiten Weltkriegs 100 Einwohner von Zgierz öffentlich erschießen. Im Anschluss waren wir bei einer Zgierzer Familie zu Besuch und kamen zudem noch zu einem ersten Abendessen mit TPZ-Vorstandsmitgliedern zusammen.

Unsere historische Unterkunft – das Hotel Folkier
Unsere historische Unterkunft – das Hotel Folkier

Am Sonntagmorgen besuchten wir zu einem Gottesdienst die Evangelisch-Augsburgische Kirchengemeinde Zgierz. Im zu 87 Prozent katholischen Polen (10 Prozent konfessionslos) sind die evangelischen Kirchengemeinden von ihrer Mitgliederschaft historisch stark geprägt von Menschen, die deutsche Vorfahren haben. Der Gottesdienst, zu dem wir gleich herzlich begrüßt wurden, hatte dann auch polnische und deutsche Elemente. Joachim Schmidt bekam als Vorsitzender des Altglienicker Bürgervereins die Aufgabe, in der Kirche die liturgischen Bibeltexte in Deutsch zu lesen. Danach folgte bei Kaffee und Kuchen eine Gesprächsrunde mit Mitgliedern der Kirchengemeinde. Ferner war anhand Ausstellungstafeln einiges über die Geschichte der Gemeinde zu erfahren, die namhafte Theologen hatte, so war dort Pfarrer der spätere Superintendent Ernst Wilhelm Bursche (1831–1904). Seine Söhne waren Julius Bursche (1862–1942), von 1937 an oberster Landesbischof von Polen, der in Nazi-Haft in Berlin Moabit starb, und Edmund Bursche (1881–1940), der als Theologe im Konzentrationslager zu Tode kam. Pfarrer war ebenso Alexander Falzmann (1887–1942), der von den Nazis im KZ Dachau ermordet wurde. Der Vorwurf von den Nazis lautete bei allen Theologen vor allem, als Deutschstämmige mit dem „Feind” zu kollaborieren, weil sie die angestammte Mehrheitsbevölkerung in Schutz nahmen. Die große alte evangelische Kirche wurde 1939 durch Bomben der deutschen Wehrmacht zerstört. Daher entstand in der Nähe am evangelischen Friedhof ein Neubau. Diesen Friedhof besuchten wir geführt von Pfarrer Undas im Anschluss. Er verfügte über viele Grabmäler, die 100 und mehr Jahre alt sind, viele mit deutschen Namen, auch von ortsprägenden Industriellen, aus neuer Zeit fallen polonisierte Namen wie Szmidt oder Sznajder auf. Nach dem Mittag besuchten wir das Heimatmuseum von Zgierz mit einem umfassenden Überblick über die Stadtgeschichte, darin auch ein Modell, wie die Stadt vor 150 Jahren aussah. Einige Räume zeigten das bürgerliche Leben des 19. Jahrhunderts. (https://muzeum.zgierz.pl/) Unser Vorsitzender der AG Heimatgeschichte Ronald Seiffert präsentierte eine umfangreiche Sammlung von Postkarten und Bildern, die er binnen eines Jahres von Zgierz über Ebay u. ä. im Internet erwerben konnte, darunter auch einige, die dort (noch) nicht in der Sammlung existieren.

Kranzniederlegung am symbolischen Grab der in Altglienicke bestatteten NS-Zwangsarbeiterin Bronisława Czubakowska aus Zgierz
Kranzniederlegung am symbolischen Grab der in Altglienicke bestatteten NS-Zwangsarbeiterin Bronisława Czubakowska aus Zgierz

Zu 18 Uhr ging es in die Heilige Messe der römisch-katholischen Kirche St. Katharina von Alexandria. In dieser ist im Eingangsbereich auch eine Urne mit Erde aus der Grabanlage in Berlin-Altglienicke, in der Zgierzer Nazi-Opfer ruhen. Hier wurde vom Bürgerverein ein weiterer Kranz niedergelegt. Im Anschluss führte uns der katholische Priester durch die Kirche und wir bekamen die seltene Möglichkeit, den Kirchturm zu besteigen und einen Blick über die Stadt zu genießen. Der Abend klang aus mit einem gemeinsamen Abendessen der beiden Bürgervereine.

Der Montag war mit Mariä Himmelfahrt nicht nur ein katholischer, sondern ein polnischer Staatsfeiertag. Um 10 Uhr stand eine Zusammenkunft auf dem katholischen Friedhof an, wo neben uns viele kirchliche und politische Vertreter der Stadt zusammenkamen, die uns als deutsche Delegation begrüßten. Zum einen wurde mit Klängen der polnischen Hymne dem 102. Jahrestag der Schlacht von Warschau und des Sieges über die Rote Armee im Polnisch-Sowjetischen Krieg 1920 gedacht, der in der endgültigen Unabhängigkeit Polens mündete, zudem gab es ein Gedenken an die in Berlin-Plötzensee hingerichtete und in Altglienicke bestattete Zgierzer NS-Zwangsarbeiterin Bronisława Czubakowska. Erneut legten wir Kränze nieder. Gegen Mittag folgte ein Treffen in einem Café in einem der Holzhäuser vor unserem Hotel mit dem Zgierzer Stadtpräsidenten (Bürgermeister) Przemysław Staniszewski sowie Vertretern des TPZ-Vorstands. Das kommunale Café wird als Inklusionsprojekt von behinderten Menschen betrieben. Hier tauschten wir uns über unsere weitere Zusammenarbeit aus. Danach stand die Abfahrt zum jüdischen Friedhof in Łódz an. Obwohl Juden sich erst ab 1848 in Łódz ansiedeln durften und der Friedhof nach einem kurzen Vorgänger erst 1892 angelegt wurde, ist er mit 180.000 Grabstätten der größte erhaltene Europas. Ein ehemaliger Rabbiner führte uns durch die Geschichte dieser sehr beeindruckenden Anlage.

Im Gespräch mit dem Stadtpräsident Przemysław Staniszewski (re.)
Im Gespräch mit dem Stadtpräsident Przemysław Staniszewski (re.)

Es existieren dort prachtvolle Grabanlagen namhafter Industrieller und sonstiger Geistesgrößen, so auch das tempelartige Mausoleum des Fabrikanten Izrael Pozna ski, der auch Jahre vor seinem Ableben den ganzen Friedhof der jüdischen Gemeinde von Łódz stiftete, es gibt aber auch ein riesiges Grabfeld mit Toten des damals direkt anliegenden Ghettos Litzmannstadt nationalsozialistischer Zeit. Anschließend fuhren wir zu einem Soldatenfriedhof mit deutschen und russischen Kriegsopfern aus dem Ersten Weltkrieg im Krogulec-Wald. Dieser war lange Zeit komplett verwildert und wird nach und nach wiederhergestellt. Am Dienstagmorgen gab es noch um 9 Uhr ein Treffen mit dem TPZ-Vorstand in einer Schule. Diese kombinierte Schule aus Grundschule und Gymnasium ist in freier Trägerschaft des Zgierzer Bürgervereins. Beeindruckend war, dass die Klassen nicht mehr als 15 Kinder umfassten. Den Abschluss bildete noch ein Besuch im Rathaus von Zgierz im Büro des Stadtpräsidenten Przemysław Staniszewski, wo wir über die Situation unserer Kommunen sprachen und Gastgeschenke übergaben. Danach wurde uns noch der Saal des Stadtparlaments gezeigt. Dann hieß es die gut fünfstündige Rückreise anzutreten. Es war ein tolles und umfangreiches Programm, was unsere Zgierzer Freunde auf die Beine stellten. Im nächsten Jahr wollen dann wir wieder Gastgeber in Altglienicke sein. Darüber hinaus wurde der Wunsch herangetragen, die Kontakte über den Bürgerverein hinaus zu intensivieren, so etwa bestand Interesse der evangelischen Kirchengemeinde Zgierz die Gemeinde in Altglienicke kennenzulernen, der besuchten Schule an gemeinsamen Projekten mit einer Bildungsreinrichtung bei uns. So entstehen allerlei weitere Beiträge damit im gemeinsamen Europa Deutsche und Polen als Nachbarn weiter zusammenrücken. Ein besonderer Dank gilt unseren Bürgervereins-Mitgliedern Klaus und Alina Leutner, die uns auch begleiteten, welche vergangenes Jahr den Kontakt nach Zgierz herstellten. Alina Leutner unterstützte als gebürtige Polin dabei auch oft als Dolmetscherin.

(Joachim Schmidt) Bürgerverein Altglienicke e.V


Möglichkeiten des Ehrenamts in Altglienicke

Ehrenamt ist gefragt – auch in Altglienicke. In einer Reihe wollen wir verschiedene Einrichtungen dort kurz vorstellen, was diese machen und wie man sich ehrenamtlich einbringen kann. Damit wollen wir einladen, sich gemeinsam mit anderen für einen noch lebenswerteren Kiez einzubringen.


#6 Bürgerverein Altglienicke

Das Projekt selbst

Der Bürgerverein Altglienicke e.V. besteht seit 1991 und engagiert sich durch seine ehrenamtlich tätigen Mitglieder vor allem in den Bereichen Heimatgeschichte und Heimatkunde sowie der Kunst und Kultur. Dazu organisiert der gemeinnützige Verein regelmäßig Veranstaltungen im Ortsbereich, wie den Altglienicker Adventsmarkt, Ausstellungen, Filmabende, Führungen, Konzerte, Lesungen, aber auch gemeinsame Ausflüge. Es existieren zwei Arbeitsgemeinschaften: die AG Heimatgeschichte und die AG Kultur. Der Bürgerverein ist ansässig im Bürgerhaus Altglienicke, wo er auch das Altglienicke Museum mit einer umfangreichen Sammlung zur Ortsgeschichte betreibt. Zum Museum gehört ein Archiv zur Ortsgeschichte, wo Bilder, Bücher, Dokumente, Postkarten, Zeitungen sowie Alltagsgegenstände gesammelt und aufbewahrt werden. Der Verein bietet Führungen zur Geschichte Altglienickes an. Er ist eng vernetzt mit anderen Einrichtungen, Initiativen und Vereinen im Ortsteil, kooperiert so auch eng mit dem von den der WeTeK gGmbH betriebenen Kiezladen WaMa, bei dem ebenso Veranstaltungen durchgeführt werden. Der Verein finanziert seine Arbeit aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Zuwendungen sowie dem Verkauf heimatgeschichtlicher Publikationen. Im engen Austausch steht man seit seiner Gründung mit dem benachbarten Rudower Heimatverein. Seit jüngerer Zeit besteht eine internationale Partnerschaft zu einem Bürgerverein im polnischen Zgierz mit gegenseitigen Besuchen.

Wie kann man sich engagieren?

Dem ehrenamtlichem Engagement im Bürgerverein sind von der Ideenfindung für gemeinsame Projekte über der Mithilfe bei der Vorbereitung und Organisation von Veranstaltungen bis hin zur Mitarbeit in dem alle zwei Jahre zu wählenden Vorstand keine Grenzen gesetzt. Aktuell werden besonders Leute gesucht, die sich bei der Fortentwicklung des Altglienicke Museums einbringen. Das können handwerkliche Tätigkeiten sein, aber auch die inhaltliche Begleitung oder reine Betreuung des Museums. Mit mehr Ehrenamtlichen ließen sich z. B. die Öffnungszeiten des Museums durch zusätzliche Tage erweitern. Ebenso bedarf es mehr helfender Hände bei Veranstaltungen aller Art, womit sich das Programm ausweiten ließe. Gerne willkommen sind Leute, die anhand Archivmaterials inhaltlich etwas aufbereiten für zu erstellende Publikationen.  Der Mitgliedsbeitrag ist mit zwei Euro monatlich gering. Mitglied kann jede Person werden, die sich im Sinne der Satzung in und für den Ortsteil Altglienicke engagieren möchte. Der Bürgerverein freut sich ebenso über Spenden für seine Arbeit, die steuerlich absetzungsfähig sind. Ehrenamtliche werden gerne unterstützt durch die Begleitung von Vorstandsmitgliedern und dem regelmäßigen Austausch im Gespräch mit anderen Mitgliedern.

Wie macht man mit?

Ansprechpartner für das Ehrenamt ist der Vorsitzende Joachim Schmidt bzw. der Leiter der AG Heimatgeschichte Ronald Seiffert. Zu erreichen sind beide über die E-Mail: buergerverein@altglienicke24.de.  

Weitere Informationen zum Bürgerverein finden sich auf der Internetseite www.altglienicke24.de. 


Vielen Dank für Ihre Unterstützung geht an:

Der Dörferblick
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