Geschichten aus dem Kiez

Stolpersteinverlegung am 21.03.17 um 12:30 Uhr


Die Gedenkveranstaltung dazu ist um 18.00 Uhr im Klub im Kietz Rodelbergweg /Scheiblerstraße.

Prellsteine – Zeugnisse der Verkehrsgeschichte

Es gibt sie noch, die markanten „Prellsteine“ in Toreinfahrten und manchmal auch als Ecksteine an Gebäuden bei engen Straßen.

Sie erfüllten einmal eine wichtige Funktion: Das Schützen der Toreinfahrten oder Gebäudeecken vor Beschädigungen.

Sie sind entweder naturbelassen als Feldstein oder rund gehauene Steine aber auch aus Metall mit meist einer geschwungenen Form. Wenn ein Pferdewagen bei der Ein- oder Ausfahrt nicht die Kurve bekam, stieß das Wagenrad gegen den Prellstein, ohne die Mauer zu beschädigen.

(Das Wort „prellen“ hat eine mehrfache Bedeutung, so eben auch „federnd“ aufschlagen).

Meist im Zuge der Sanierung der Häuser wurden diese Prellsteine entfernt, oder eben auch manchmal belassen. Wer aufmerksam auch durch die Straßen von Treptow oder anderen Stadtteilen Berlins geht, kann sie noch manchmal entdecken.

Auch wenn heute keine Pferdewagen auf städtischen Straßen mehr fahren, die wenigen noch existierenden Prellsteine verdienen es, erhalten zu bleiben. (Text und Fotos von Andreas Freiberg, Baumschulenweg im Januar 2017)

 

E.B.S. – die fast vergessene Motorradfirma

Ich denke, den meisten Lesern wird das Kürzel E.B.S. kein Begriff mehr sein. Diese Abkürzung steht, im Zusammenhang mit dem Ortsteil Baumschulenweg, für eine ehemalige Motorradfabrik. Die Firma Ernst Bauermeister und Söhne – so der vollständige Name – wurde um 1923 bekannt. Der Ingenieur Ernst Bauermeister war schon im Jahre 1912 Betriebsleiter und Mitinhaber der „Berliner Motorenfabrik und Bauermeister“.

Die hatte ihren Sitz in der Köpenicker Straße 18/19 in Kreuzberg und fertigte Motoren verschiedenster Art, das heißt Rohöl-, Petroleum-, Benzol- und Benzinmotoren, sowohl für den stationären als auch für den mobilen Einsatz. Am 6. September 1917 erwarb Bauermeister das noch brachliegende Grundstück in der heutigen Behringstraße 50-56, um dort ein neues und größeres Fabrikgebäude für seine Firma zu errichten. Im selben Jahr plante man einen viergeschossigen Bau. Aber im Juli 1918 wurde kriegsbedingt beschlossen und baupolizeilich beantragt, nur zwei Stockwerke zu realisieren. Wahrscheinlich spielten auch die Kosten bei der Planungsänderung eine erhebliche Rolle. Die restlichen beiden Geschosse sollten später folgen. Bereits 1919 konnte das Büro-, kurz danach das Fertigungsgebäude zur Nutzung übernommen werden.

In den Plänen ging man auch auf die zu erwartende Zahl an Arbeitnehmern ein. Diese gaben die Planer mit 60 bis 75 Beschäftigten je Etage an. Auch mussten schon im Jahre 1917 behördliche Vorschriften bezüglich der Waschmöglichkeiten und Toiletten für die Arbeitnehmer erfüllt und in den Produktionsstätten bereitgestellt werden.

Während des noch tobenden Krieges sollte rund um die Uhr, in Friedenszeiten in zwei Schichten gearbeitet werden.

 

Die „Berliner Motorenfabrik“ wurde ab 1920 nur noch unter dem Namen Ernst Bauermeister geführt und produzierte jetzt als „E.B. Berliner Motoren- und Maschinenfabrik“ stationäre sowie Fahreinbau-Motoren eigener Konstruktion.

Demzufolge müsste Bauermeister zu dieser Zeit ungefähr 250 bis 300 Mitarbeiter beschäftigt haben und wäre somit ein recht großer Arbeitgeber in Baumschulenweg gewesen.

 Ab 1924 arbeiteten seine Söhne Ernst und Rudolf im Unternehmen mit. Aus diesem Grund wurde der Firmenname in „Ernst Bauermeister und Söhne“, kurz „E.B.S.“ geändert. Am 12. Juli desselben Jahres brachte Bauermeister zwei Maschinen eines neu entwickelten Motorradmodells mit einem 220-Kubikzentimeter-Motor, mit im Kopf hängenden Ventilen (Seitenverteiler), bei einem Motorradrennen in Swinemünde an den Start. Die Fahrer waren Fritz Putins und Otto Flick aus Berlin. Von Flick ist bekannt, dass er aus Johannisthal stammte. Beide blieben jedoch sieglos. Die erreichte Leistung der Motorräder diese noch recht jungen Firma war aber dennoch beachtlich, wenn man bedenkt, dass Putins drei von sechs zu fahrenden Runden an der Spitze lag und nur wegen eines Reifenschadens aufgeben musste

Der Firmeninhaber erkannte zu dieser Zeit, dass die Qualität eines Produktes allein nicht immer ausreicht, um es zu verkaufen zu können.

So setzte er auf Werbung, und man konnte seit 1925 zahlreiche Reklameanzeigen in verschiedenen Presseerzeugnissen finden. Ab 1926 gewährte Bauermeister auf die Fahrgestelle seiner Motorräder bereits fünf Jahre Garantie gegen Rahmenbruch. Bei den Motoren wurde auf die besonders ausgewählten Materialien sowie deren Haltbarkeit hingewiesen. Auch die ergonomisch günstige Form des Lenkers und der Bedienhebel hob der Hersteller besonders hervor.

E.B.S. baute neben Touren- und Sportmotorenrädern auch so genannte Lastenräder, die die Firma mit unterschiedlichen Motoren und Aufbauten anbot. Es gab Dreiräder von 200 bis 600 Kilogramm Nutzlast. Der Preis im Jahre 1926 betrug für ein Pritschen-Dreirad 1.600 Reichsmark.

Für eine EBS Motorrad-Droschke mussten bis zu 3.200 Reichsmark aufgebracht werden.

Als Antriebseinheit verwendete Bauermeister bei seinen Fahrzeugen bis zum Ende des Jahres 1928 nur Viertaktmotoren eigener Konstruktion von 200 bis 800 Kubikzentimetern.

Die größte gebaute Maschine war Anfang 1929 die „EBS 800“ mit einem 800 Kubikzentimeter-Zweizylindermotor. Dieses Modell 800 wurde in der Werbung als die schnellste und zuverlässigste Maschine bei der Belziger Dauerprüfungsfahrt beschrieben und kostete 1.600 Reichsmark. Im Kaufkraftvergleich läge der Preis heute wahrscheinlich zwischen 5.600 und 6.400 Euro, weil die Maschinen als Luxusartikel betrachtet werden müssten.

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Als weitere Ergänzung wurde ein Seitenwagen aus eigener Fertigung für die Motorräder angeboten.

Die 200er Modelle waren nach den damaligen rechtlichen Vorschriften steuer- und führerscheinfrei. Dasselbe galt natürlich auch für die Lastenräder vom Typ LR 200. Ende des Jahres 1928 erscheint die erste Werbung für die EBS-Motorräder mit zugekauften Einbaumotoren von den Firmen Villiers und Blackburne aus England. Diese gab es als Zwei- oder Viertakter. Sie kamen ab 1929 in den Verkauf.

Die „EBS 200“ mit Zweitaktmotor, Dreiganggetriebe und Tigerfedergabel kostete 775 Reichsmark, die Ausführung mit dem 200 Kubikzentimeter-Viertaktmotor von Blackburne 825 Reichsmark. Dieser Zukauf hatte seinen Grund möglicherweise in den hohen Kosten der eigenen Motorenfertigung und sollte die rentable Fertigung der Fahrzeuge weiterhin gewährleisten. Auch andere Teile, wie Laufräder und Federgabeln, wurden, wie heute noch üblich, von Zuliefern bereitgestellt. Doch die 1929 ausgebrochene Weltwirtschaftskrise und der damit verbundene Kaufkraftverlust sorgten auch bei E.B.S. für finanzielle Probleme. Vermutlich gegen Ende des Jahres 1930 musste Bauermeister einen Teil seines Fabrikgebäudes an die Firma Krone & Co. vermieten.

Im Juni 1931 veräußerte er den Bau endgültig an den Kaufmann Josef Simon.

Bauermeister konnte aber noch bis zur Aufgabe der Firma in seiner ehemaligen Produktionshalle weiterarbeiten. So endete im Jahre 1934 die Geschichte in der Behringstraße 50-56 in Baumschulenweg.

Aufgeben wollte Bauermeister aber nicht und zog mit seiner neu gegründeten Firma „Favorit“ in der Bodelschwinghstraße 22-24, um dort einen Neuanfang mit so genannten Kleinmotorrädern und seinen bereits bekannten „Favorit Seitenwagen“ zu beginnen.

Das ist aber eine andere Geschichte. Es sind nur sehr wenige Fahrzeuge der Firma E.B.S. erhalten geblieben und so auch nur selten auf Oldtimer-Veranstaltungen oder –Ausfahrten zu bestaunen.

Ich hoffe, mit diesem kleinen Bericht etwas Licht in das Dunkel um diese Berliner Motorradfirma gebracht zu haben. Vielleicht besitzt ja ein Leser oder Leserin noch weitere Informationen oder sogar Unterlagen über diese Firma. Eine Kontaktaufnahme wäre über die die Redaktion möglich und würde den Autor freuen.

(Autor: Stefan Rothe / Quelle: "Treptow-Köpenick 2016 - Ein Jahr und Lesebuch" Herausgeber: Kunstfabrik Köpenick )

Spaziergang durch Baumschulenweg

links: Matthias Schmidt, rechts: Andreas Freiberg
links: Matthias Schmidt, rechts: Andreas Freiberg

Am 14. Juni 2014 fand um 11:00 Uhr ein geschichtlicher Spaziergang mit den Ortschronisten Andreas Freiberg statt. Eingeladen hatte der SPD-Bundestags-abgeordneter Matthias Schmidt, der sein Büro "Schmidt´s Ecke" in der Ekkehardstraße hat. In der Führung wurde Geschichte der Baumschulenstraße wieder lebendig. Wissenswertes über den Ortsteil z.B. über frühere Kneipen, Ausflugsziele und den sogenannten Zirkusblock an der Köpenicker Landstraße konnte man erfahren. 

Bilder vom Spaziergang

Ortsteil Baumschulenweg

Motorradproduktion in Berlin-Baumschulenweg ? !

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich als berenteter Hobbyhistoriker mit der Geschichte von Berlin-Baumschulenweg. Immer wieder freue ich mich, wenn eine mir bisher unbekannte Ansichtskarte, ein neues Foto aus vergangenen Zeiten oder ein Zeitungsartikel mit historischem Bezug zu Baumschulenweg auf meinem Schreibtisch liegt. So ergeben sich noch heute neue Geschichten, die in bisherigen Publikationen noch keine Erwähnung fanden. Vor kurzem fand ich eine Ansichtskarte von vor 1930, auf welcher der Britzer Zweig-Kanal mit der Scheiblerstraße und das Güldenhofer Ufer zu sehen ist. In der Ferne (auf der anderen Seite des S-Bahn-Dammes) ist eine relativ große Fabrikhalle mit dem Logo einer Firma „E.B.S.“ zu erkennen. Diese muss sich also in der Behringstraße befinden. Im Berliner Adressbuch des Jahres 1925 ist diese Firma mit der Adresse Behringstr. 50 – 56 tatsächlich auch verzeichnet.
Der Name E.B.S. bedeutet „Ernst Bauermeister“ & Söhne.

Weitere Recherchen ergaben, dass diese Firma von 1924 bis 1930 existierte.
Als Motorradproduzent legte sie laut Prospekt Wert auf robuste Gebrauchsmotorräder, aber auch Sportmaschinen. Die Fahrgestelle wurden im eigenen Betrieb hergestellt. Hinsichtlich des Endes dieser Firma ließ sich nichts weiter recherchieren. Auch 1930 verlegte die Firma Krone & Co (gegründet im Jahre 1928 durch Gustav Krone und Leo Skrzypczynski), ihren Firmensitz in die Behringstraße 50 – 56.

Das Unternehmen entwickelte und produzierte elektrotechnische Geräte und Anschlüsse im fernmelde- und starkstromtechnischem Bereich. Des Weiteren arbeitete man an der Entwicklung hochwertiger Spezialsender und Empfänger. Was mit 5 Arbeitern begann, entwickelte sich zu einem mittleren Unternehmen mit 140 Angestellten bis 1935. Der Arbeitskräftezuwachs bis 1941 erfolgte auf 660 Mitarbeiter, wobei dann auch ausländische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter eingesetzt wurden.

Nach Ende des Krieges wurde Skrzypczynski mit der Werkleitung beauftragt. Nach anfänglicher Produktion von Alltagsgegenständen wie Lockenwicklern, Kämmen, Gartengeräten oder Möbelknöpfen, richtete man den Fokus allerdings wieder auf die Fernmeldetechnik. Am 1. Oktober 1948 wurde die Firma dann auf Anweisung der Deutschen Treuhandverwaltung unter Zwangsverwaltung gestellt. Im Mai 1949 erfolgte die Übertragung der Firma in Volkseigentum als "RFT Gerätewerk Baumschulenweg VEB (Z)". 1952 dann die Umbenennung in "VEB Signalbau Berlin, Werk IV". Nach 1990 erfolgte die Abwicklung des Betriebs. Das Stadtarchiv Berlin erhielt den Aktenbestand aus dem Verwaltungsarchiv des VEB Signal- und Sicherungstechnik Berlin. Eine Einsichtnahme in die Akten ist erst ab dem Jahre 2015 möglich. Das Fabrikgebäude ist aktuell dem Bau einer Altersresidenz gewichen. Das Wohnhaus allerdings steht noch heute. Hochinteressant ist die Lebensgeschichte des ehemaligen Firmenmitinhabers und späteren Werkleiters Leo Skrzypczynski, der mit seiner Ehefrau Erika bis Mitte der 30er Jahre in der Behringstraße 50 wohnte, so wie auch der Mitinhaber der Fa. Krone & Co, Gustav Krone.
Wahrscheinlich aus beruflichem Anlass hatte Skrzypczynski ab 1935 Bekanntschaft mit Mitgliedern der „Roten Kapelle“, eine Gruppe von Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus. Darunter u. a. Arvid Harnack, Karl Behrens und Hans-Heinrich Kummerow, die 1943 zum Tode verurteilt und 1944 hingerichtet wurden. Sein Wissen über die in der Firma Krone hergestellten Rüstungsprodukte wurde durch Skrzypczynski weitergegeben. Es erfolgte auch die Unterstützung jüdischer Freunde.
Wie die meisten Mitglieder der „Roten Kapelle“ wurde auch er im September 1942 verhaftet, wurde aber aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Es erfolgte jedoch eine Einweisung in das KZ Sachsenhausen, wo er erst im April 1945 freikam. Später war er Gründer und Leiter der schwedischen Treuhand AG in Berlin-Zehlendorf.
Es ist immer wieder interessant, bei welchen Geschichten und Lebensläufen man mitunter beim genaueren Anschauen einer historischen Ansichtskarte von Baumschulenweg landen kann.

Andreas Freiberg

Interview mit Herrn Freiberg

Initiator und Projektveranstalter von Baumschulenweg über die Geschichte seines Ortsteil im Interview.

Anzeigen Baumschulenstraße 1939

Stolpersteinverlegung am Rodelbergweg

Ein Spaziergang durch die Baumschulenstraß

Straßenbahn im Baumschulenweg

Kunstmeile 2016 in Baumschulenweg