Tempohome Nachbarschafts Tagebuch von Peter Zenker

24.09.2016: Super, die ersten zwei Kinderräder sind angekommen, sogar samt Helm.
Es dürfen aber mehr werden und vergesst die Schuhe nicht

 

23.9.2016: Heute waren wir wieder im Tempohome, um über ein zukünftiges Fotoprojekt mit Kindern zu sprechen und eventuell einige unserer Hochbeet-Helfer bei sich zu Hause zu begrüssen.

Herzbewegend: Sie haben Blumen von der Brache geholt und sie vor die Eingänge einiger Container gepflanzt. Ein klein wenig Farbe in dem eintönigen Grau:
Graue Container, grauer Split, grauer Asphalt, grauer Alltag und dazwischen gelbe Sonnensterne.

Und dann waren da die Kinder.
Das kleine Mädchen mit den schwarzen Locken und den großen Augen und der genau so großen Schramme auf der Stirn - wenn man hier auf dem Split stürzt, dann tut es weh.
Der kleine Junge, dessen Mutter die Flucht nicht überlebt hat, dessen Vater versucht, ihm über den Verlust hinweg zu helfen, der ihm aber nicht klar machen kann, warum kein Fahrrad für den kleinen Mann da ist.........
und all die anderen Kinder, die auch von Fahrrädern träumen weil es doch immer noch keinen Spielplatz gibt und weil Fahrradfahren eins der wenigen Vergnügen im Tempohome ist, selbst wenn man mal auf die Nase fällt.

Wo bekommen wir nur Fahrräder her? Hoffentlich von euch, die hier mitlest. Wir brauchen dringend Fahrräder jeder Größe. Roller, Skateboards, InLineScater, Dreiräder, alles was sich zur spielenden Fortbewegung eignet.(Und als vom Enkel auf Sicherheit getrimmter Radfahrer ergänze ich: Fahrradhelme, Knieschützer usw. währen auch nicht schlecht.)
Altersgruppe: Von ganz klein bis groß. Wer also ein Kinderfahrrad herumstehen hat, her damit. Sollte es reparaturbedürftig sein ... dit krign wa wieda hin. (Fahrräder für Jugendliche oder Erwachsene werden natürlich auch genommen)

Soweit aus der Sicht der Kinder.

Von einer Betreuerin erfuhren wir, dass Schuhe fehlen. Ja, glaubt es ruhig, feste Schuhe. Die "Kleiderkammern" in Berlin sind wohl ganz gut bestückt, aber Schuhe für Kinder wie auch für Erwachsene sind Mangelware. Sollte der Sommer jetzt wirklich vorbei sein, wird das unangenehm.
(Bekleidung gibt es wohl zur Zeit genug, Rucksäcke wären noch gefragt)

Öffnet euer Herz, helft mit, ein paar Kinder glücklich zu machen.

Nachtrag: Fahrräder, Rucksäcke usw. können bei uns abgegeben werden.

 

21.9.2016: Nee, ich habe gar kein schlechtes Gewissen, dass ich so lange nicht mehr ins Tagebuch geschrieben habe. 1, war ich ätzend schwer beschäftigt mit dem Jahresabschluss für die Firma, der hat Vorrang und 2. hat sich hier überraschend schnell alles normalisiert. Trotz der natürlich nicht optimalen Situation ist sehr schnell "Normalität" im Tempohome eingekehrt. Alle scheinen sich irgendwie mit der Aktualität arrangiert zu haben.
Am ehesten wohl die Jüngsten. Das Kinderlachen. die Spiele, alles wirkt entspannter als in den ersten Tagen. Sicher macht sich das Fehlen eines Spielplatzes bemerkbar und ich verfluche den Zaun zwischen uns und und dem Tempohome. Eines der wenigen Vergnügen für die Kleinen ist wohl das Fahrradfahren, aber nicht für mich. Nee, es stört nicht, aber drei, viermal am Tag ... Krschh Graxh Eyeeieyei MAAMAAAAA. Wir wohnen ja direkt an der Ecke des Tempohome, eine 90 Grad Kurve ist für die Kleinen zu hart und der Sturz quasi vorprogrammiert, und Mama wohnt vielleicht am anderen Ende des Tempohome, Wie gerne würde ich jetzt hinlaufen, trösten, aber der Sicherheitszaun hindert ´mich daran.
Seit einigen Tagen hören wir Abends mit moderater Lautstärke den Muezzin zum Abendgebet rufen. Nein, nicht so wie man es aus Fernsehfilmen kennt, völlig verzerrt aus übersteuerten Lautsprechern oder Megaphonen, nein, ganz dezent, offensichtlich mit MP3 Player und Ghettoblaster ausgeschickt. Klingt eigentlich recht gut, fremd, aber interessant, mal was anderes. Warum auch nicht, an die Kirchenglocken am Friedrich Wilhelm Platz haben wir uns damals auch gewöhnt, obwohl sie viel lauter waren.
Habe ich schon mehrfach geschrieben, dass am frühen Morgen eher beängstigende Ruhe herrscht, so ist das jetzt mit Einzug der Normalität noch krasser geworden. Vor 9:30 Uhr hört man nichts, absolut nichts. Hat man den Bewohnern Druck gemacht, oder liegt es ganz einfach daran, dass es in diesen Containern bei herabgelassenen Rollos stockdunkel ist, und die Kids deswegen länger schlafen. Muss ich mal meinem Sohn erzählen, der darunter leidet, dass seine beiden "Terroristen" Morgens um 6 auf der Matte stehen.

Aber Abends ist es ähnlich, scheint auch mit "Angekommen" zu tun zu haben. Konnte ich Anfangs nach 22:00 nur noch bei intensivem hinhorchen Stimmen hören, so scheint das inzwischen auch vorbei zu sein. Ab 21:00 ist hier Totentanz, nix, nil, jarnüscht. Haben die sich inzwischen der deutschen "Kultur" so weit angepasst, dass sie um 9:00 in der Kiste verschwinden oder RTL gucken, oder ist das die eingeimpfte Reaktion auf die nahezu tägliche Beschwerde einiger Nachbarn wegen ruhestörenden Lärms ? Schreckliche Vorstellung.

Bei unserem Kiez-Projekt "Hochbeete hübschen" sind die jungen Männer aus dem Tempohome inzwischen unentbehrlche Helfer geworden. Wir alten Säcke mussten feststellen, dass wir uns mit dem Ausgraben der Giersch Wurzeln völlig übernommen haben, dass ´die jungen, kernigen Temhomebewohner das dagegen mit links schaffen.
Danke dafür.

Auf der FB Altglienicke Seite scheint sich ein Wandel zu vollziehen. Wurden anfangs positive Berichte über Hilfe durch neue Nachbarn nur böse kommentiert, kommen inzwischen immer mehr positive Kommentare und "likes"

Bild: Peter und Hilli Zenker
Bild: Peter und Hilli Zenker
Bild: Peter und Hilli Zenker
Bild: Peter und Hilli Zenker

29.8.2016 - 19:07 Uhr : Seit ein paar Minuten ist es laut. Nein, nicht die Kinder, die sind im Gegenteil noch leiser geworden als sonst. Von den Eltern höre ich gar nichts mehr. Ich kann es immer noch nicht verstehen, aber da wird doch tatsächlich schon wieder eine Kundgebung auf der Venusstraße in Hörweite des Tempohomes abgehalten. Gruselig aber wahr. Während ich schreibe, wird es im Tempohome immer leiser. Schämen sich denn dieses Leute gar nicht, den neuen Nachbarn Angst zu machen. Interessant: Normalerweise eröffnet Frau Vogel von der CDU die Montagshetze, heute spricht ein Mann. Immerhin klingt der Beifall sehr spärlich, die Front scheint zu bröckeln - hoffentlich! Sei es wie es sei, was gibt es sonst noch?

Ich war ein paar Tage beruflich außerhalb Berlins, bin seit gestern Abend wieder zurück. So ein kleiner Abstand lässt einen wohl eher auch kleinere Veränderungen merken. Wie auch schon vor der Reise, kamen kurz vor neun die Kinder aus den Containern. Ich hatte gleich den Eindruck, dass ihre Stimmen heute viel entspannter klangen, als kurz nach der Ankunft. Schade, dass sie nicht etwas früher heraus gekommen sind, was gibt es schöneres, als fröhliche Kinderstimmen während des Frühstücks.
Tagsüber war ich unterwegs, etwas Entspannung bei einer Wanderung an der Krummen Lake in Grünau. Als ich aus dem 260er ausstieg, traf ich eine Familie, die ich schon bei unserem Besuch im Tempohome mit den Cabuwazi Artisten kennen gelernt hatte. Vater, Mutter und die kleine Tochter auf dem Weg in ihr neues Zuhause. Sehr gefreut hat es mich, dass die Eltern mich erkannten, gleich auf mich zukamen, mir die Hand gaben. Wie geht es, alles gut? wurde ich gefragt und beide lächelten mich so offen und ehrlich an, dass ich mich unwillkürlich für jede Unfreundlichkeit schämte, die diesen Menschen hier in Altglienicke entgegen gebracht wird.

Sehr gefreut hat mich, dass ich bei meiner Rückkehr etliche persönliche Mails hier bei Facebook vorfand, in denen sich Altglienicker Menschen für meine Berichte über meine Erlebnisse mit unseren neuen Nachbarn bedankten. Es hat ja nicht jeder das Glück, gleich nebenan zu wohnen und aus erster Hand zu erfahren, dass es sich um ausgesprochen nette Nachbarn handelt. Danke zurück, ihr motiviert mich, weiter zu berichten.
Andererseits bedrückt es mich sehr, dass eine Zuschrift dabei war, in der absolute Zustimmung geäußert wurde, in der unsere neuen Nachbarn ausdrücklich begrüßt wurden der Verfasser jedoch unbedingt anonym bleiben muss weil er befürchtet als Einzelhändler Schaden zu erleiden, wenn seine Meinung bekannt würde. Ich verstehe ihn, aber es macht mich unendlich traurig, dass so etwas in Deutschland schon wieder möglich ist.

19:37 Uhr: Der ruhestörende Lärm von der Montagsdemo nervt immer noch.

 

23.08.16 - 01:07 Uhr: Nee, die schlafen alle schon, ich arbeite noch ein wenig. Der Hubschrauber eben hat ich ans Denken gebracht, ich versuche mir jetzt doch vorzustellen, was in den Kindern vorgeht, wenn über ihnen so ein Ding Lärm macht. Welche Erinnerungen verbinden sie damit? Schwierig sich das vorzustellen, wenn man von Geburt an im Frieden groß geworden ist. Das ist alles so abstrakt, fast schämt man sich vor den Kindern, als Erwachsener nicht den Bombenterror erlebt zu haben.
Mir fällt spontan ein Lied ein, das ich als etwa 11-12 jähriger Junge in meiner "bündischen" Zeit sehr gemocht habe:
Schlaf mein Kind,
ich wieg dich leise,
Bajuschki, baju,
|: Singe die Kosakenweise,
Bajuchki, baju. :|
Draußen rufen
fremde Reiter
Durch die Nacht sich zu.
|: Schlaf, mein Kind, sie reiten weiter,
Bajuschki, baju. :|
Einmal wirst auch
du ein Reiter,
Bajuschki, baju,
|: Von mir ziehen immer weiter,
Fernen Ländern zu. :|
In der Fremde,
fern der Heimat
Denkst du immerzu
|: An die Mutter, die dich lieb hat,
Bajuschki baju. :|

 

22.08.16 - 23:22 Uhr: Menno, warum muss dieser verdammte Hubschrauber jetzt seit Minuten über uns kreisen? Es war schon völlig ruhig im Tempohome, wirklich ruhig, , jetzt höre ich viele Kinderstimmen, auch Erwachsene. NEIN, es ist nicht der Christoph, unser Rettungshubschrauber. Der macht nicht so Fiesematenten. der kommt und landet, fertig.
Überhaupt fällt mir jetzt auf, dass ich in den letzten Tagen irgendwelche Hubschrauber öfter über uns kreisten. Auch das Abschießen von Silvesterböllern scheint im Moment große Mode zu sein in Altglienicke.
Er hat abgedreht. Man hört ihn immer noch, aber er entfernt sich, kommt wieder näher, entfernt sich wieder.

Ich mag mir nicht vorstellen, welche Erinnerungen jetzt in den kleinen Menschen hochkommen, nein, WILL ICH NICHT!

 

22.08.16 - 22:56 Uhr : Heute Abend war es recht lebendig vor unserem Garten, so etwa in der Art, als wenn wir Freunde zum Grillen da haben. Die Nachbarn direkt vor meiner Nase hatten wieder die geile Mucke aufgelegt, die mir gestern schon so gefallen hat. Ich muss unbedingt raus bekommen, was das für eine Musik ist.
Kurz vor 22:00 Uhr war dann plötzlich alles wie abgeschnitten. Ach ja, der freundliche Kollege von der Security war da, hat an die bevorstehende Nachtruhe erinnert. Jetzt nicht falsch verstehen, der Kollege ist ok, er weiß, dass rund um das Tempohome Menschen wohnen, die nur auf die Gelegenheit zur nächsten Klage wegen Ruhestörung warten.
22:00 Uhr : Nicht das es totenstill wäre, nein, sie sitzen noch vor den Containern, unterhalten sich leise. Auch Kinder sind noch zu hören, ebenfalls nicht wirklich laut. Wer jemals im Süden Urlaub gemacht hat, der weiß, dass dort Mittags Siesta ist und auch die Kleinen Abends bis 10-11 aktiv sind, nur eben nicht so leise, wie hier im Tempohome

 

21.8.16 - 20:51 Uhr

Ich sitze mal auf der Terasse und bearbeite die Cabuwazi Bilder. Vor dem Garten geile Mucke, neue Musikrichtung für mich, aber wirklich Klasse. Es juckt in den Händen, die würden gerne mitklatschen, werden aber für Maus und Tastatur gebraucht. Etwas lauter als sonst, aber es ist Sonntag und ich merke, wie mich die Mucke beflügelt.

Um 20:51 greift die Security freundlich aber bestimmt ein. ich verstehe nur das Wort "Schluss", und es ist Schluss. Einer der neuen Nachbarn erklärt den anderen etwas mit 22:00 Uhr.

Ich rufe durch die Hecke "Hallo Kollege Security, lass sie doch noch etwas, ist doch Sonntag und noch früh. Mich stört die Musik nicht, im Gegenteil, sie gefällt mir."
Eine Antwort bekomme ich nicht.
Schade, die Mucke ist jetzt so leise, dass ich mich darauf konzentrieren müsste um etwas zu verstehen. Schade, jetzt fehlt mir die Inspiration.

Foto: Peter Zenker
Foto: Peter Zenker
Foto : Peter Zenker
Foto : Peter Zenker

20.8.16 - 22:03 Uhr
Was für ein Tag. Nachdem ich gestern bis zwei Uhr die Bilder des Tages bearbeitet habe, haben wir heute frü etwas verschlafen und sind erst um 9:00 aufgestanden. Es war angenehm mild, also fanden Frühstück und das Lesen der Tageszeitungen auf der Gartenterasse statt. Mittendrin, so gegen 9:30 viel mir auf, das etwas fehlte. Es war so leise, dabei haben wir uns inzwischen doch so sehr daran gewöhnt, dass so gegen halb neun die ersten Kinderstimmen unserer neuen Nachbarn zu hören sind. Irgendwie hat mich das nervös gemacht und ich bin raus, um mal um die Ecke zu linsen. Wegen der Hecke sehen wir ja leider nichts, aber vorne von der Strasse aus hat man einen kleinen Blick ins Tempohome. Nichts zu sehen, die schlafen wirklich noch. Na ja, es ist Samstag :-)
Ab 11:00 Uhr Action bei Cabuwazi, heute ist "Kiezolympiade" angesagt. Leider sind noch keine Kinder aus dem Tempohome dabei.

Kurz vor Beginn der Vorstellung beschließen die Cabuwazi Künstler, eine zweite Begehung des Tempohomes zu versuchen. Selbstverständlich wieder in voller Kostümierung und mit Musike. Als wir an der "Schleuse" vorsprechen zeigt sich, dass die Mitarbeiter und die Security sich gut an den Erfolg der vorgestrigen Aktion erinnern, sie öffnen uns das große Tor, das sonst nur für die Feuerwehr existiert und die Gaukler und Musikanten können bequem das Tempohome erobern. Besonderer Gag: Ein Security Mitarbeiter nimmt ein Megaphon und kündigt den Nachbarn laut unsern Besuch an: " Kommt alle her, der Zirkus ist wieder da. Ich muss zugeben, da hat es mir den Sucher der Kamera beschlagen.
Wie schon vorgestern wurden wir aufs herzlichste begrüßt, ich brauche nicht einmal Farsi oder Arabisch zu können, die Worte WILLKOMMEN und DANKE versteh ich, bin schließlich mit der Sprache aufgewachsen.
Auch dieses mal stehen wieder einige Kinder abseits, man sieht deutlich, dass sie gerne möchten, aber sich noch nicht sicher sind. Die Mehrzahl der Kinder macht aber schon mit, die mitgebrachten roten Nasen sind der Renner. Die Kollegen von der Security und die Mitarbeiter von WORKs, dem Betreiber sorgen dafür, dass die Eltern der Kinder die mit zur Vorstellung kommen wollen vorher gefragt werden, eine verständliche Maßnahme, ein großes Dankeschön für die Kooperation.
Nach einer halben Stunde verlässt die Karawane um ein vielfaches größer wieder durch das große Tor das Tempohome, die meisten Eltern haben nicht nur ja gesagt, sie kommen mit. Die Vorstellung der Artisten der Deutsch / Griechischen Jugendgruppe, die 10 Tage zusammen trainiert haben wird nicht zuletzt durch die ungebremste Begeisterung unserer Gäste aus dem Tempohome ein voller Erfolg - so haben beide Seiten etwas davon.

Alle Fotos: Hilli Zenker
Meine Bilder warten noch auf die Bearbeitung und die Bilder von der Olympiade oder den Vorstellungen kriegt ihr sowieso erst später zu sehen. Der 2. Besuch bei den Menschen im Tempohome hat uns emotional so sehr berührt, dass wir die Doku des Besuches einfach wichtiger finden.

Foto Hilli Zenker
Foto Hilli Zenker
Foto: Hilli Zenker
Foto: Hilli Zenker

20.8.16 - 01:07 Uhr : Nachdem ich die Bearbeitung der letzten Bilder des heutigen Zirkus 2:0 Tages bei Cabuwazi abgebrochen habe weil es ja keine Terminbilder sind und Menschen meines Alter nicht immer bis um 2:00 aktiv sein müssen um sich für lebendig zu halten, hatte ich den LapTop aus geschaltet.
Zum Ausklang, gönne ich mir noch ein Gläschen des leckeren Gammel Danske Bitter Dram, den mir ein ein Dänischer Funkfreund letzte Woche mitgebracht hat. Natürlich sitze ich im Garten, alles andere wäre ja bei diesem Wetter ein Frevel.

Es ist mucksmäuschenstill. Die Vögel schlafen längst, die meisten meiner neuen Nachbaren offensichtlich auch. Wenn ich meine Ohren auf Spock (der von der Enterprice) Format langziehe dann höre ich gaaaaaaanz leise, dass ich doch nicht der einzige bin, der noch vor der Türe sitzt. Wenn dieser verdammte Zaun nicht wäre, dann würde ich jetzt rüber gehen und mich dazu setzen.

Und dann passiert das, was mich dazu bringt, den Schleppi doch noch einmal zu aktivieren, um einen neuen Tagebucheintrag zu schreiben.

Ich kenne und hasse das von den jährlichen Treffs anlässlich der HAM Radio Messe in Friedrichshafen. Da sitzen auch 2-4 Freunde noch lange nach Mitternacht beieinander, haben noch dies und jenes Thema zu diskutieren. Im Camp Rotach Friedrichshafen, dort waren wir früher zu diesen Messen immer kam dann mit stetiger Regelmäßigkeit irgend ein Mensch in Uniform und sagte fast wörtlich das, was ich eben über den Zaun hören konnte: " Finish jetzt, die Nachbarn wollen schlafen" Meine Fresse (sorry, so spricht man im Ruhrpott, wo ich herkomme), wir haben ja fast geflüstert und wir sind Erwachsene Menschen. Es kann doch nicht sein, dass wir dermaßen unter Kuratel gestellt werden. Wir flüstern doch fast, das stört doch niemanden. Aber es geht ums Prinzip, es ist Nachtruhe. Da werden sogar Erwachsene Menschen behandelt wie Kleinkinder. Es gibt Security Menschen, die finden das blöd. Es gibt Security Menschen, denen geht einer ab, wenn sie die Macht der Uniform in den Vordergrund stellen können.
So wie ich die Security hier im Tempohome gestern kennen gelernt habe, sind das nette Menschen, sie befolgen nur ihre Vorschriften um die Bewohner des Tempohomes vor weiteren Klagen zu schützen. Aber die Vorschriften sind Mist. So integriert man keine Menschen, so kujoniert man sie. Es kann doch nicht sein, dass Erwachsene Menschen im vorauseilenden Gehorsam ins Bett geschickt werden, obwohl sie definitiv niemanden stören.
Camp Rotach ist für uns passe, 2016 haben wir es schon boykottiert, Die Neuberliner haben diese Alternative nicht, sie müssen ins Bett, wie die Vorschrift es vorsieht.

 

19.8.16 - 9:40 Uhr: Am Morgen nach der ersten Begegnung: die Bilder sind Nachts fertig geworden. Während der Bearbeitung musste ich mehrfach pausieren.

"Willkommen riefen sie uns zu, Willkommen hier bei uns" - die, die so viel Leid ertragen mussten, die bei so vielen hier in der Vorstadt nicht willkommen sind heißen uns Willkommen in ihrer Unterkunft, im "Tempohome"

Zum besseren Verständnis der Bilder hier noch einmal mein Tagebucheintrag von gestern Abend:

 

18.8.16 - 22:00 Uhr: Wir sind gerade zurück von einem berührenden Ereignis. Um 19:30 zogen wir mit den Musikanten und Artisten vor das Tor der Unterkunft um unsere neuen Nachbarn zur großen Zirkusvorstellung einzuladen. Es dauerte nur wenige Minuten und die ersten Kinder und Erwachsen waren nicht nur als Zuschauer draußen, sonder viele wirkten aktiv mit. Das gemeinsame Spiel hat die Security und die Sozialarbeiter wohl überzeugt, wir durften alle zusammen in die Unterkunft einziehen. Es ist mit Worten nicht zu beschreiben, welches Echo uns drinnen erwartete. Mädchen, Jungen, Frauen, Männer und auch die viel geschmähten Jugendlichen liefen zusammen. Es wurde getanzt, geklatscht gesungen .... geweint. Unsere Einladung sprach sich sehr schnell rum. Viele der jüngeren sprechen recht gut Deutsch, Englisch war auch gut nutzbar und wer es so nicht verstand, bekam es vom Nachbarn übersetzt.
Nach etwa 20 Minuten zogen alle gemeinsam zum großen Cabuwazi Viermastzelt zur Gala Vorstellung. Die Security öffnete freundlich die Feuerwehrzufahrt, damit die große Menge Menschen sich nicht durch die enge Sicherheitsschleuse quetschen musste.
Die Gala selbst war ein Erlebnis für alle. Alt- und Neuberliner genossen gemeinsam begeistert die Vorstellung.

Unser Dank an die Security und an die Betreuer der Einrichtung die alle zusammen ein völlig anderes Bild boten, als man es manchmal aus anderen Einrichtungen kennt.
Jetzt geht es an die Bearbeitung der Bilder, die wir von diesem berührenden Ereignis gemacht haben. Morgen mehr.

Ach so, zur aktuellen Situation: um 22:18 Uhr: Ich sitze natürlich draußen, es ist angenehm mild. Das empfinden meine neuen Nachbarn wohl auch, dem Klang der verhaltenen Stimmen entnehme ich, dass sie ebenfalls vor der Tür sitzen. Ab und an aus der Ferne leise Kinderstimmen, einige scheinen noch den Zirkusabend zu verdauen. Kein Wunder, so wie sie mitgemacht haben. Kinder eben

Don Quichotte (Foto Hilli Zenker)
Don Quichotte (Foto Hilli Zenker)
Foto: Peter Zenker
Foto: Peter Zenker

18.8.16 - 22:00 Uhr: Wir sind gerade zurück von einem berührenden Ereignis. Um 19:30 zogen wir mit den Musikanten und Artisten vor das Tor der Unterkunft um unsere neuen Nachbarn zur großen Zirkusvorstellung einzuladen. Es dauerte nur wenige Minuten und die ersten Kinder und Erwachsen waren nicht nur als Zuschauer draußen, sonder viele wirkten aktiv mit. Das gemeinsame Spiel hat die Security und die Sozialarbeiter wohl überzeugt, wir durften alle zusammen in die Unterkunft einziehen. Es ist mit Worten nicht zu beschreiben, welches Echo uns drinnen erwartete. Mädchen, Jungen, Frauen, Männer und auch die viel geschmähten Jugendlichen liefen zusammen. Es wurde getanzt, geklatscht gesungen .... geweint. Unsere Einladung sprach sich sehr schnell rum. Viele der jüngeren sprechen recht gut Deutsch, Englisch war auch gut nutzbar und wer es so nicht verstand, bekam es vom Nachbarn übersetzt.
Nach etwa 20 Minuten zogen alle gemeinsam zum großen Cabuwazi Viermastzelt zur Gala Vorstellung. Die Security öffnete freundlich die Feuerwehrzufahrt, damit die große Menge Menschen sich nicht durch die enge Sicherheitsschleuse quetschen musst.
Die Gala selbst war ein Erlebnis für alle. Alt- und Neuberliner genossen gemeinsam begeistert die Vorstellung.

Unser Dank an die Security und an die Betreuer der Einrichtung die alle zusammen ein völlig anderes Bild boten, als man es manchmal aus anderen Einrichtungen kennt.
Jetzt geht es an die Bearbeitung der Bilder, die wir von diesem berührenden Ereignis gemacht haben. Morgen mehr.

Ach so, zur aktuellen Situation: um 22:18 Uhr: Ich sitze natürlich draußen, es ist angenehm mild. Das empfinden meine neuen Nachbarn wohl auch, dem Klang der verhaltenen Stimmen entnehme ich, dass sie ebenfalls vor der Tür sitzen. Ab und an aus der Ferne leise Kinderstimmen, einige scheinen noch den Zirkusabend zu verdauen. Kein Wunder, so wie sie mitgemacht haben. Kinder eben

 

18.8.16 - 18:10 Uhr : Unbewusst / ungewollt fördern die neuen Nachbarn die Kontakte der Alteinwohner untereinander. Laufe ich über die Brache am Zaun entlang treffe ich kleinere oder größere Gruppen, meist Hundebesitzer die bedauern, dass der Auslaufplatz für ihre Hunde um 2/3 verkleinert wurde. "Wie hässlich das Lager ist, zum Glück sieht man nichts wegen der Verkleidung des Zaunes mit Planen". "Wenn ich schon die Visagen sehe, da bekommt man ja Angst"..... Stimmt, denke ich, mir ist schon ganz mulmig zumal einer von denen einen ziemlich großen Hund dabei hat.
Aber auch auf der anderen Seite, an der eine Straße längs führt trifft man sich. "Gerade erst angekommen, Aber Fahrräder haben sie schon, und telefonieren tun sie auch und überhaupt, etliche junge, kräftige Männer dabei, die sollten sich schämen, laufen weg statt ihr Land zu verteidigen. Wir damals......"
In unserer Sackgasse landen jetzt immer öfter Autos. Es scheint sich so eine Art "Flüchtlinge gucken Tourismus" zu entwickeln.

Vor dem Garten ist heute gute Stimmung. Es wird viel gelacht, das freut mich. Hört sich so an, als währen sie angekommen. Tagsüber hörte man öfter die Stimme einer Betreuerin. Es ging um die Belegung der Räume. Erst einmal bleibt es so wie es ist, sagte die Betreuerin, später sehen wir weiter.

Ob alle sie verstehen? Einen Dolmetscher höre ich nicht, sie spricht Deutsch. Sie hat eine freundliche Stimme

 

18.8.2016 - 11:18 Uhr : Kindermund.....Verleiht die deutsche Sprache mehr Nachdruck?

Kinder unterhalten sich in ihrer Sprache. Gelassen, klingt nach Diskussion, nicht nach Auseinandersetzung. Ich kann nicht sehen worum es geht, vielleicht um ein Spielzeug? Der Sichtschutz den man an den Lagerzaun gehängt hat versperrt den Blick.

Nach einer Weile eine Mädchenstimme. Bitte.... BITTTTEEEE.

Genau so klang meine Mama, wenn sie etwas durchsetzen wollte, ich erinnere mich genau

 

18.08.2016 - 9:50 Uhr : Unser morgendliches Ritual: Frühstück und Zeitunglesen von 8:00 bis 9:00. Heute nicht auf der Terasse sondern Innen. Nee, nicht wegen der lauten Neu-Nachbarn, von denen ist noch nichts zu hören, Hilli ist es mit 18Grad zu kalt draußen.
Seit 9:00 sitze ich draußen wie immer. Heute eben mit dickem Pullover, E-Mails wollen bearbeitet sein. Die ersten Kinderstimmen sind zu hören, Fußgetrappel, es hört sich nach dem allseits beliebten "Einkriegen" an. Es gibt Kinderspiele die sind gleich, überall auf de Welt. Ein fetter Akkuschrauber rattert, da werden wohl noch Schrauben nachgezogen. Die ersten erwachsen Stimmen sind zu hören.

 

17.8.16 - 23:24 Uhr : Stille, das Camp klingt wie unbewohnt.

Jetzt ein einzelner Mann, der Stimme nach jung. Er läuft vor unserem Garten auf und ab, er telefoniert in seiner Sprache. Sehr leise. Nur zu hören, weil er direkt hinter der Hecke läuft, keine 10m entfernt. Blöd, dass ich wie ein Stalker hinter der Hecke sitze. Die Stimme kling besorgt, traurig. Das macht mich unruhig, aber vielleicht sogar besser für mich, dass ich nichts verstehe. Aber jetzt lacht er leise, scheint doch nicht so schlimm zu sein. Ob er mit Verwandten in der Heimat redet?

Ich wünsche ihm unbekannterweise alles Gute.

 

17.8.2016 - 22:27 Uhr : - zwischen 21:00 und 22:10 klang alles etwas gelöster, die Menschen scheinen anzukommen. Nicht dass es zu laut war, aber es war hörbar.
Wenn ich am PC zu tun habe, verkrieche ich mich sobald die Enkel auftauchen in mein Arbeitszimmer weil ich sonst zu sehr abgelenkt werde. Das war heute weit unterhalb des Paul und David Levels :-)
Das letzte, was eben noch zu hören war war eine weibliche Stimme auf Deutsch und English: "Alle haben ein Zimmer? Do you all have a bed?" Eine freundliche Stimme, möchte ich betonen, klingt so, als hätte der Betreiber des Tempohomes bei der Auswahl der Betreuer ein Händchen gehabt. Na ja, es ist sicherlich nicht einfach, so einen Erstbezug zu organisieren. Ein Baby weint.

Texte und Fotos von Peter Zenker (Facebook) mit freundlicher Genehmigung. Vielen Dank.