100 Jahre Gagfah: Ausstellungseröffnung am 16.11 zur Altglienicker Gagfah-Siedlung

In feierlichem Rahmen, fand am Freitag den 16. November 2018 um 18 Uhr im Bürgerhaus Altglienicke (Ortolfstraße 182/ 1.Etage), die Ausstellungseröffnung zur Altglienicker Gagfah-Siedlung statt. Diese wurde durch Kultur-stadträtin Cornelia Flader und Joachim Schmidt eröffnet.

In Kooperation mit dem ABZ im Bürgerhaus Altglienicke, Ortolfstraße 182, zeigt der Bürgerverein Altglienicke e.V. interessante Dokumente, Fotos und Informationen zu unserer Gagfah-Siedlung, welche den Ortsteil seit ihrer Entstehung 1934 – 1941 intensiv mitprägte. Diese prägte mit ihren zu den 1930er Jahren neuentstandenen 500 Eigenheim-Wohnungen die Entwicklung des Ortsteils deutlich mit. Der Anlass für die historische Ausarbeitung mit Dokumenten und Bildern ist kein direktes Jubiläum der Siedlung, die würde höchstens übernächstes Jahr 85 Jahre alt, sondern der 100. Geburtstag der Gagfah.
Hinter diesem Akronym verbirgt sich die „Gemeinnützige Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten“. Ein halbes Jahr vor Ende des Ersten Weltkriegs kamen im Frühjahr 1918 in Berlin unter Mitwirkung der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte (RfA) zahlreiche Angestellten-Verbände zusammen, die größten darunter der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband und der Deutsche Werkmeister-Verband, um auf die Gründung eines eigenen Trägers für den Wohnungsbau hinzuarbeiten. Es sollte etwas gegen die Wohnungsnot unternommen werden. Die mehrstöckigen anonymen Massenquartiere in der Innenstadt, als Mietskasernen tituliert, galten als ungesund. Gerade den bald heimkehrenden Kriegssoldaten, oft traumatisiert, sollten lebenswerte und finanziell erschwingliche Wohnungen mit viel Grünanteil geboten werden. Die Gründung der Gagfah wurde schließlich am 14. August 1918 vollzogen. Es wurde dabei ein Grundkapital von zwei Millionen Mark in Form von an die Verbände und Einzelpersonen ausgegebenen Aktien gezeichnet. Als Aufgabe wurde in § 2 der Satzung festgehalten: „Ausschließlicher Zweck des Unternehmens ist die Beschaffung gesunder Wohnungen zu angemessenen Preisen für minderbemittelte Familien und Einzelpersonen, insbesondere den Kreis der nach dem Versicherungsgesetz für Angestellte versicherten Personen. (…)“. Die Gagfah sollte dabei bei Vermietung und Wohnungsverkauf nicht dem Gelderwerb dienen, sondern gemeinnützig arbeiten. Festgehalten wurde, dass Mietverträge, Nutzungsverträge und Verträge über die Veräußerung von Eigenheimen und Eigentumswohnungen immer nach dem Recht der Gemeinnützigkeit abzuschließen sind, nicht im Sinne Profitmaximierung.

Ansichtskarte um 1938
Ansichtskarte um 1938

Nach der Machtübernahme des NS-Regimes im Januar 1933 und dem Verbot aller Gewerkschaften, damit auch der Angestellten-Verbände, ging die Gagfah in den Besitz der Deutschen Arbeitsfront (DAF) über. Diese verkaufte die Gesellschaft Mitte der 1930er Jahre weiter an die Reichsversicherungsanstalt für Angestellte (RfA).

In dieser Zeit wurde durch staatliche Programme der Eigenheimbau mit „Volkswohnungen“ an den Stadträndern massiv vorangetrieben. Bisher landwirtschaftlich genutzte Flächen wurden parzelliert und mit sehr einheitlich konzipierten Eigenheimhäusern bebaut, die neben Parteigenossen vor allem an junge Familien vergeben wurden, so auch in Altglienicke durch die Gagfah-Siedlung. Schon um 1930 entstand „weit draußen“ als ein südlichster Posten des Ortes inmitten noch von Kornfeldern die kleine Eigenheimsiedlung „Altglienicker Grund“. Das ist nördlich des heutigen Kosmosviertels. Zwischen dem „Altglienicker Grund“ und der Warnowstraße gab es nur Ackerland, durchzogen von einem staubigen Feldweg, der kurz Straße 156 heißen und dann mit dem kommenden Siedlungsprojekt gepflastert zur Ortolfstraße werden sollte. Als früher Vorposten wagte es bereits um 1929 die Familie Bachnik ganz einsam an der späteren Kreuzung Ortolfstraße/ Wegedornstraße ein noch heute durch seine Größe auffälliges Haus zu errichten. Mutter Bachnik betrieb die eine Seite einen Lebensmittelladen, Vater Bachnik die andere Seite eine Gastwirtschaft. Nach dem Krieg sollte daraus eine Konsumfiliale werden, und nachdem die alten Bachniks 1975 in den Westen gingen und wenig später die neue Konsum-Kaufhalle am Berg entstand, bis 1990 der Kulturklub „Heinz Kapelle“, später Schornsteintechnik Renger und Physiotherapie Scholz.1935 wurde an der Wegedornstraße (damals Straße 119) zwischen Ortolfstraße und Salierstraße mit dem ersten Bauabschnitt begonnen, der sich dann nördlich mit Teilen der Bernulfstraße und dem Widosteig und südlich mit dem Wolfmarsteig sowie den Abzweigen Kunibertstraße (Straße 210), Hassoweg (Straße 211) und Meinolfstraße (Straße 211a) sowie Ortolfstraße fortsetzte.

Wegedornstraße  Ecke Salierstraße Ende der 30ger Jahre mit Schutzmann
Wegedornstraße Ecke Salierstraße Ende der 30ger Jahre mit Schutzmann

 Mit Ausnahme der schon westlich der Ortolfstraße ab 1930 vorhandenen Wegedornstraße, die nach Südosten verlängert wurde, erhielten die neuen Straßen allesamt am 18. Januar 1936 ihren Namen im Sinne des damaligen Zeitgeistes nach nordisch klingenden althochdeutschen Männernamen. Die Wegedornstraße wurde als zentrale Achse besonders breit angelegt und besaß für diese Zeit ungewöhnlich modern schmale Radwege. Die Heimstätten-Siedlung sollte mit dem „deutschen Satteldach“ versehen ein Gegenstück zu den Arbeiter-Kolonien am Falkenberg und zur bei den Nazis verpönten Bauhaus-Architektur bilden. 

 

Auf rund 60 Quadratmetern Grundfläche entstanden als Doppelhaushälften Wohnungen mit vier bis fünf Zimmern sowie Bad, Küche und Keller. Während unten gewohnt wurde, schliefen oben die Familienangehörigen. Über dem Obergeschoss gab es ein unausgebautes Dach, welches bei Familien mit ganz vielen Kindern die Möglichkeit bieten sollte, hier selber für die älteren noch im Hause lebenden weitere Schlafmöglichkeiten zu schaffen.

Die Wohnungen gab es gegen eine Anzahlung von 1.800 Mark sowie monatlichen Zinsen und Tilgung von 50,58 Mark. Dazu gesellte sich ein Garten von 500 bis 800 Quadratmetern. Begrenzt wurde das Grundstück durch einen Holzlattenzaun. Meist zählte eine seitlich angebaute Garage hinzu. Es ließen sich Berliner aus der Innenstadt nieder, die aus ihren Mietskasernen entfliehen wollten. Für Handel und Versorgung war gesorgt durch den Lebensmittelladen der Bachniks, nebenan dem Fleischer Rumpel, schräg gegenüber Ecke Bernulfstraße der Kolonialwarenladen Dietrich und in der Salierstraße etwas versteckt die Konditorei & Bäckerei Minke, aus dem in Nachkriegszeiten mal das „Terrassencafé Budziak“ wurde.

Kaffekränzchen im Dankmarsteig - hinten Häuser Brunolfweg ca.1943
Kaffekränzchen im Dankmarsteig - hinten Häuser Brunolfweg ca.1943

Ab August 1936 ging man an dem sich bis 1938 ziehenden zweiten Bauabschnitt am Dankmarsteig (zuvor Straße 143). Die „neue Gagfah“ hatte baulich zur „alten Gagfah“ einige Veränderungen. Die Fensterläden waren hier statt grün rotbraun und die Dächer wiesen Gauben auf. Allerdings ging es nicht mehr zügig voran, denn Baumaterialien wurden knapp. Das NS-Regime konzentrierte sich angesichts eines möglichen Krieges prioritär auf die Errichtung eines befestigten Westwalls entlang der westlichen Reichsgrenze, wofür man aus dem ganzen Reich Material- und Arbeitsressourcen abzog. Ab 1938 begann man zwar südlich des Dankmarsteigs noch mit dem Harrosteig, Markulfweg, Mundolfstraße und Wunnibaldstraße, jedoch alles noch viel schleppender, insbesondere mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Ende 1940 kam das Baugeschehen ganz zum Erliegen. Gar nicht mehr wie geplant ausgeführt wurde der Bereich Gerosteig als südlicher Abschluss. Auch das Areal südlich des Dankmarsteigs zum Mohnweg hin blieb gänzlich unbebaut. Davon zeugt insbesondere die nur aus wenigen Metern bestehende Meinolfstraße. Schließlich kam die Zäsur mit Kriegsende und der Aufteilung Deutschlands. Später wurden zu DDR-Zeiten viele der von der Gagfah ungebaut gebliebenen Grundstücke vergeben und individuell mit Einfamilien- oder Reihenhäusern bebaut. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg scheiterten im Westen Versuche der Angestelltengewerkschaften, im Zuge der Restitution von beschlagnahmten Gewerkschaftsvermögen die Gagfah zurückzuerhalten, während die Grundstücke im Osten zu DDR-Zeiten ins sogenannte Volkseigentum übertragen wurden, damit letztlich an den Staat gingen. Darum fielen weite Teile der Gagfah-Siedlung in der Endzeit der DDR unter die Kategorie „Modrow-Grundstücke“. Den Eigenheimlern gehörten die Häuser, aber nicht die Grundstücke. Diese konnten dann ab März 1990 für jeweils wenige tausend Mark aus dem „Volkseigentum“ gekauft werden. Um 1992 herum wurde geprüft, die Gagfah-Siedlung unter dem Aspekt des Denkmalschutzes zu sichern. Dieses wurde jedoch bis auf eine Aufforderung, die Bewohner stärker für die Qualität des städtebaulichen Ensembles zu sensibilisieren und die bestehende Struktur weitgehend zu erhalten, verworfen, da sich allzu viele Häuser über die Jahrzehnte von der Originalfassung mit ihren roten Dächern und grünen Fensterläden entfernt hatten. Öfter hatten die Doppelhaushälften durch bauliche Veränderungen unterschiedliche Ausprägungen genommen. Die Fensterläden gibt es oft gar nicht mehr.

Aquarell (H.Schubring 1955) der Gagfah-Siedlung.
Aquarell (H.Schubring 1955) der Gagfah-Siedlung.

Die Gagfah ist unterdessen Geschichte. Im Westen wurde sie in der Rechtsnachfolge der RfA von der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) übernommen. Infolge des Gesetzes zur Überführung der Wohnungsgemeinnützigkeit in den allgemeinen Wohnungsmarkt vom 25. Juli 1988 wurde der Gagfah mit Wirkung zum 1. Januar 1990 die Gemeinnützigkeit aberkannt. Im Juli 2004 verkaufte die BfA ihre in der Gagfah gebündelten 81.000 Wohnungen an 147 verschiedenen Standorten in Deutschland, davon allein rund 24.000 in Berlin, an das US-amerikanische Unternehmen Fortress zum Preis von rund 3,5 Milliarden Euro. Zu diesem Zeitpunkt beliefen sich die Verbindlichkeiten bereits auf 1,6 Milliarden Euro. Für den Börsengang wurde das Unternehmen 2006 in eine Aktiengesellschaft nach luxemburgischem Recht umgewandelt (Société Anonyme). Juni 2014 verkaufte Fortress ihre GAGFAH-S.A.-Aktien vollständig und stieg aus. Im Dezember 2014 wurde die Gagfah von der Deutschen Annington für 3,9 Mrd. Euro übernommen. Unter dem neuen Namen Vonovia ist das Unternehmen fortan der größte private Vermieter Deutschlands. 2016 gab die Vonovia bekannt, dass die Gagfah Group als Unternehmen nach 98 Jahren endgültig erloschen sei. Anfragen des Altglienicker Bürgervereins in Vorbereitung der Ausstellung wurden damit beantwortet, dass man das historische Archiv der Gagfah vernichtet hätte und man sich nur noch um Wohnungsvermietung, nicht mehr um Traditionspflege kümmere. Daher fände auch zu 100 Jahren Gagfah nichts statt. Trotzdem ist es gelungen, mit Hilfe vieler Bewohner diese Ausstellung zu konzipieren. Der Bürgerverein freut sich über viele Besucher zur Eröffnung. Ansonsten ist jeden letzten Sonntag eines Monats von 14 bis 17 Uhr das Altglienicke Museum im Bürgerhaus geöffnet, um auch danach die Ausstellungstafeln zu beschauen.

(Der Text wurde von Joachim Schmidt vom Dörferblick zur Verfügung gestellt)