Als 1868 am „Neuen Krug“ die ersten Züge hielten - 150 Jahre Bahnhof Schöneweide

Damals war’s ... Der Verkehrsknotenpunkt Schöneweide im Jahr 1974.  Foto: Historische SaMMLUNG DER DEUTSCHEN BAHN AG/ALFRED SCHULZ
Damals war’s ... Der Verkehrsknotenpunkt Schöneweide im Jahr 1974. Foto: Historische SaMMLUNG DER DEUTSCHEN BAHN AG/ALFRED SCHULZ

Der Bahnhof Schöneweide ist zu seinem Jubiläum alles andere als ein Schmuckstück. Er wird der Verballhornung „Schweineöde“ gerecht. Niemand möchte lange hier verweilen, außer jene die als Obdachlose oder Alkoholiker dort gestrandet sind. Es sieht an allen Ecken marode aus, egal ob es die Bahnsteige, die Treppen oder die Fliesen sind. Im Tunnel tropft es bei Regen durch. Alles wirkt mühsam am Leben erhalten. Seit einer gefühlten Ewigkeit wird gebaut, aber eigentlich auch nicht so richtig. Ursprünglich sollte mal 2018 alles fertig sein. Doch fertig erneuert wurden in fünfjähriger Bauzeit gerade einmal die Bahnbrücken am Sterndamm. Die seitdem dort gesperrten Aufgänge werden aktuell neu aufgebaut und sollen im September 2018 wiedereröffnet werden. Dann müssen wir auch schon von dem, was uns als Bahnhof Schöneweide empfängt, nicht unbedingt traurig Abschied nehmen. Sobald die Aufgänge am Sterndamm wieder vorhanden sind, werden am anderen Ende Bahnhofshalle und Personentunnel gesperrt. Das historische Bahnhofsgebäude vorne wird saniert, die sich anschließende Halle und der Tunnel abgerissen. Hier entsteht ein kompletter Neubau nebst einem Straßenbahntunnel, über dem die Tram von der Brückenstraße kommend künftig am „Zentrum Schöneweide“ vorbei direkt zur Wendeschleife auf Johannisthaler Seite fahren wird. Nach Angaben der Deutschen Bahn soll der gesamte Umbau des Bahnhofes im Dezember 2021 fertig sein.
Klar ist, dass in der gegenwärtigen Situation niemand groß feiern will, aber der Bahnhof Schöneweide blickt in diesem Sommer 2018 auf eine 150-jährige Geschichte zurück.
Als am 13. September 1866 der Personenverkehr auf der vom preußischen Unternehmer Henry Bethel Strousberg errichteten Berlin-Görlitzer Bahn aufgenommen wurde, gab es zwischen dem Görlitzer Bahnhof in der Berliner Luisenstadt (heute Kreuzberg) und Grünau noch keinen weiteren Halt. Das Areal beiderseits dieser Bahntrasse war zu diesem Zeitpunkt wenig besiedelt und weitgehend Waldgebiet. Die Bahnverbindung von Berlin ins südöstliche Umland bot jedoch eine gute Voraussetzung für die Ansiedlung von Industrie und Wohnungen. Hinzu kam, dass das Spreeufer im Raum Schöneweide attraktiv war für die eine und andere Ausflugsgaststätte, an der man einst auf Reisen Zwischenstopp machte und zu der ab dem 19. Jahrhundert die Berliner scharenweise ins Grüne pilgerten. Dazu zählte auch das schon seit 1772 bestehende Ausflugslokal „Neuer Krug“, das ein Jahrhundert später Ausgangspunkt für die Borussia-, später Schultheiß- und Bärenquell-Brauerei an der heutigen Schnellerstraße werden sollte. Diese Gaststätte „Neuer Krug“ bot vor 150 Jahren den Rahmen an der Bahnstrecke der Berlin-Görlitzer Bahn einen „provisorischen Haltepunkt“ einzurichten, an dem zunächst nur einige Züge halten sollten. Dieser Haltepunkt befand sich nahe der Gastwirtschaft etwa 300 Meter nördlich des heutigen Bahnhofsgebäudes. Am 24. Mai 1868 machte dort erstmals ein Zug Station. Der einfache Halt „Neuer Krug“ (auch hier und da „Forsthaus Kanne“ oder „Neuer Krug-Kanne“ genannt) wurde eine Erfolgsgeschichte, zumal neben Berliner Ausflüglern auch rasch die Johannisthaler diesen für sich nutzten. Schnell reichten die örtlichen Gegebenheiten nicht mehr aus, die Massen von Menschen zu bewältigen. 1874 erfolgte der zweigleisige Ausbau der Strecke. Dabei taufte man den Haltepunkt in „Neuer Krug-Johannisthal“ um. Am 15. Mai 1876 wurde dafür etwas nördlich eine neue Haltestelle eingeweiht. Schnell fiel auch dort die Entscheidung für den Ausbau zu einer ordentlichen Eisenbahnstation mit Bahnsteigen. Eine entsprechende Freigabe erfolgte am 15. Oktober 1880 mit der gleichzeitigen Umbenennung in „Johannisthal-Niederschöneweide“. 1886 wurde schließlich ein repräsentatives Empfangsgebäude aus rotem Backstein errichtet, durch das man zum damals noch ebenerdigen Bahnsteig gelangte. Der Klinkerbau steht noch heute. Der Bahnhof wurde ein immer stärker frequentierter Umschlagplatz für Sonntagsausflügler, zumal in Richtung Spree weitere Ausflugsgaststätten entstanden.  

Das „Teltower Kreisblatt“ erwähnt, dass zu Himmelfahrt 1895 um die 60.000 Fahrgäste ausstiegen, um in Niederschöneweide in Gaststätten wie „Neuer Krug“, „Hasselwerder“, „Loreley“ oder „Kyffhäuser“ Herrentag zu feiern. Ab 1891 kam am Bahnhof Schöneweide eine Ausfädelung der Strecke mit dem Abzweig zum Bahnhof Spindlersfeld hinzu, die der Wäschereiunternehmen Spindler finanzierte.
Am 1. Oktober 1895 erfolgte auf Antrag der Gemeindevertretung die Umbenennung des Bahnhofs in „Niederschöneweide-Johannisthal“, um mit der Reihung den Ort aufzuwerten, auf dessen Territorium der Bahnhof letztlich lag. Nur noch einmal sollte Jahrzehnte später eine Umbenennung erfolgen: seit dem 6. Oktober 1929 heißt es weniger sperrig lang „Berlin Schöneweide“.


Mehr Informationen von der Berliner Zeitung


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Der S-Bahnhof Schöneweide in Treptow.  Foto: Thomas Uhlemann
Der S-Bahnhof Schöneweide in Treptow. Foto: Thomas Uhlemann

Parallel zum Bau des Teltowkanals ab 1901 wurde mit dem von dort gewonnenen Erdaushub ein Bahndamm aufgeschüttet, der Schranken an den die Bahntrasse kreuzenden Straßen überflüssig machte. Ab Mai 1906 verkehrte die Görlitzer Bahn in Hochlage, die ebenerdigen Gleise wurden abgebaut bzw. von Industriebahnen anliegender Betriebe weitergenutzt. Gleichzeitig kam es zur Trennung von Gleisen jeweils für den Vorort- und den Fernverkehr. Der Bahnhof Schöneweide erhielt in diesem Zuge drei vom alten Bahnhofsgebäude über einen Personentunnel erreichbare Mittelbahnsteige, womit eine größere Leistungsfähigkeit im Nah- und Fernverkehr möglich wurde. Zugleich entstand nördlich ein Güterbahnhof zur Versorgung der örtlichen Betriebe, der heute durch das „Zentrum Schöneweide“ überbaut ist. In der anderen Richtung wird noch 1913 beschrieben, dass sich vom Bahnhofsvorplatz zum Ende der Bahnhofstraße (heute Sterndamm) hin ein dichter Kiefernwald erstreckte. In dieser Zeit waren am Bahnhof Schöneweide ganze 700 Angestellte und Beamte der Reichsbahn rund um den Personen- und Güterverkehr tätig.
Ab Dezember 1928 lösten dort die ersten elektrisch angetriebenen Züge die bis dahin üblichen Dampflokomotiven ab. Am 1. Dezember 1930 kam es in Berlin zur Einführung der S-Bahn als modernes Verkehrsmittel. Mitte der 1930er Jahre wurde ein Ausbau des Bahnhofs Schöneweide verfolgt. Für eine zusätzliche Schnellbahntrasse, die nur an ausgewählten Bahnhöfen hält, wurde zur Grünauer Straße (heute Michael-Brückner-Straße) hin ab etwa 1937 an einem weiteren vierten Bahnsteig gebaut. Durch den Zweiten Weltkrieg kamen die Bauarbeiten zum Erliegen und wurden nach 1945 nicht weiterverfolgt. Der schon fertig errichtete Aufgang D wurde zugemauert. Das historische Überbleibsel wurde vor vier Jahren im Zuge des Neubaus der Brücken am Sterndamm abgerissen. Wenn es nach einer vom Magistrat in Auftrag gegebenen Studie von 1969 ginge, wäre der Bahnhof Schöneweide sogar Umsteigebahnhof zur U-Bahn geworden, jedenfalls plante man eine solche Verlängerung vom U-Bahnhof Tierpark über Karlshorst nach Schöneweide, doch aus finanziellen Gründen wurde daraus nichts und später stattdessen die Strecke nach Hönow gebaut.
Zwischen 1972 und 1974 wurde die Bahnhofshalle auf die dreifache Größe erweitert. Es entstanden sechs Fahrkarten- und ein Platzkartenschalter, ein Auskunftsbüro für Reisende und eine Gepäckaufbewahrung. Die Mitropa-Gaststätte wurde ebenso erweitert. Es gab zudem einen Zeitungskiosk, drei Fernsprechzellen sowie großzügige Sanitäranlagen. Der Fernbahnsteig wurde um 100 Meter verlängert. Täglich wurden 70.000 Reisende gezählt. Aus dieser Zeit stammt auch der Fußgängertunnel unterhalb der Bundesstraße 96a. In den 1980er Jahren kamen Pläne auf, den Bahnhof Schöneweide neben Ostbahnhof und Lichtenberg zum dritten großen Fernbahnhof der DDR-Hauptstadt auszubauen, der den gesamten Verkehr in den Süden abwickeln sollte. Dieses wurde nicht mehr verwirklicht. 1987 stellte man das Portalgebäude unter Denkmalschutz.
Nach der Wende wurde der Fernverkehr weitgehend verlagert – zumeist nach Lichtenberg. Es fuhr lange nur noch ein Zug nach Frankfurt (Oder). Heute kann man auch Richtung Eberswalde fahren. 150 Jahre nachdem die ersten Züge in Schöneweide hielten, wird nun mit der Modernisierung von Bahnhofsgebäude und Bahnsteigen ein neues Kapitel aufgeschlagen. Mit Spannung schauen wir nun, wie lange es wirklich dauert und wie am Ende das Ergebnis aussieht.


(Der Text wurde vom Dörferblick von Joachim Schmidt zur Verfügung gestellt. Vielen Dank)